Mit dem Wind

Mit dem Wind – Mai 2026

Last Updated: 25 September, 2026By Tags: , , , ,

… bin ich auf meinem täglichen Weg zur Arbeit an einem der zahlreichen Rapsfelder im Inselnorden vorbeigekommen. Jedes Jahr halte ich schon Anfang März Ausschau nach den ersten Trieben, die noch wenig attraktiv, wie Grünkohl oder Brokkoli daherkommen. Mit den ersten kräftigeren Sonnenstrahlen im April schießen die grünen „Bodendecker“ dann aber explosionsartig in die Höhe, zünden den Wachstums-Turbo, wie Jugendliche in der Pubertät, und dann dauert es nicht mehr lange, bis sich die ersten gelben Blüten zeigen.

In diesem Jahr musste ich mich allerdings in Geduld üben. Der April auf der Insel war kühl und windig. Da haben sich die meisten Rapspflanzen wohl im Abwarten und Heißen-Tee-Trinken geübt. Also die meisten. Vereinzelte Pflänzchen konnten es aber offensichtlich nicht abwarten, bis die Sonnenstrahlen intensiver werden und die Temperaturen im dauerhaft zweistelligen Bereich angekommen sind. Diese „Frühblüher“ reckten furchtlos schon Mitte des Monats ihre strahlend gelben Blüten in die noch frische Brise. Sehr zur Freude der ersten Insekten übrigens, von denen diese Vorhut der Frühlingsblütenvielfalt begeistert umschwärmt wurde.

Während ich so durch die Felder radelte und nach den nächsten gelben Tupfern Ausschau hielt, wurde mir mal wieder klar: Der liebe Gott hat die Natur einfach meisterhaft eingerichtet! Und Individualität wurde dabei von ihm ganz großgeschrieben. Der Landwirt hat seinen Raps nämlich mit Sicherheit nicht etwa häppchenweise ausgesät, nur damit bereits die ersten Bienen auf Nahrungssuche schon mal einen Vorgeschmack auf das frühlingshafte Schlemmerbuffet bekommen.

Ganz im Gegenteil. Der zuständige Agronom hätte am liebsten, dass nach Möglichkeit alle Rapspflanzen schön gleichmäßig wachsen, blühen und gedeihen. Schließlich will er ja nicht in Etappen ernten. Da sprechen schon arbeitsökonomische Gründe dagegen.

Und was machen die Raps-Pflanzen? Na, die meisten sind wohlerzogen, gehorsam und orientieren sich am Wunsch des Bauern. Aber da gibt es eben diese „Frühblüher“, die nicht abwarten können, bis der Rest endlich hinterherkommt und mitten im Feld einfach mal ein gelbes Blüten-Zeichen setzten. Und dann wären da noch die Schlafmützen, Faulpelze oder Spätstarter, die erst blühen, wenn der Rest des Feldes schon abgeblüht und fast erntereif ist. Dazu noch die Aus-der-Reihe-Tänzer, die einfach im nächsten Jahr als Wildwuchs noch einmal blühen, obwohl der Landwirt das Feld mit Sommerweizen bestellt hat. Was für eine Unordnung, möchte man schimpfen. Und das auf einem ordentlich bestellten Feld!

Aber gerade dieser Wildwuchs, diese Freiheit und Individualität macht unsere Natur aus. Und das individuelle Wachstum der Pflanzen, das außerhalb der ertragsorientierten Landwirtschaft natürlich noch viel dominanter vertreten ist, hat ja tatsächlich auch einen Sinn: Verlängerte Vegetationsphasen sind gut für die Insekten, stellen eine sichere Nahrungsquelle für zahlreiche Lebewesen und damit schlussendlich auch für uns dar.

Die Frühblüher, Nachzügler, Falschwachser oder Chaoten unter den Pflanzen haben alle ihre Aufgabe im komplexen System der Schöpfung. Die sind nicht etwa Schrott, Ausschuss oder Unkraut, nur, weil sie sich nicht an unsere Regeln halten. Dass uns manchmal das Verständnis dafür fehlt, wie alles zusammenhängt? Geschenkt! Wir sind schließlich nicht der göttliche Gärtner, der dieses komplexe System geschaffen hat, es hegt und pflegt.

Aber vielleicht sollten wir an der ein oder anderen Stelle darauf vertrauen, dass Gottes ganz eigener Ansatz bezüglich Wachstum und Individualität nicht nur für die Flora und Fauna um uns herum, sondern genauso auch für uns gilt.

Die Menschheit als eine gleichgeschaltete Herde von Robotern? Eine grässliche Vorstellung, auch wenn der ein oder andere Machthaber oder Potentat sicher begeistert wäre. Und zugegeben: Ich kenne auch Lehrer, die dem Gedanken einer folgsamen Herde durchaus etwas abgewinnen könnten.

Der göttliche Ansatz aber ist ein gänzlich anderer. Der verzichtet nämlich darauf, naseweise Frühblüher einzukürzen, und hat unendlich viel Geduld mit verschlafenen Nachzüglern, weil er weiß, dass gerade diese Vielfalt uns allen guttut.

Wachsen und gedeihen lassen. Ein schöner Vorsatz, nicht nur fürs Frühjahr.

Herzlichst Ihr
Markus Constantin
Rektor